Südburgenland in Traiskirchen – the day after

Es war ein Tag mit zwiespältigen Gefühlen.  Man fährt nach Traiskirchen ins  EAZ, mit Autos voller Spenden. Nicht alleine sondern mit so tollen Menschen die das Herz am richtigen Fleck haben und die eines gemeinsam haben- sie schauen hin und nicht weg. Sie helfen, stehen auf gegen Fremdenfeindlichkeit, gegen Vorurteile und für sie alle steht Humanität an erster Stelle. Der Mensch zählt für sie, egal welche Herkunft, egal welche Religon, für sie gibt es keine Selektierung.

Wenn man in Traiskirchen einfährt gibt es keinen Hinweis darauf wo man ist, im grössten Flüchtlingslager Österreichs.  Ein Fleck Österreich wie es ihn unzählige Male gibt, ein Stück Österreich wie aus der Werbung.

Doch dann fährt man weiter, es trifft einen wie ein Schlag in die Magengrube. Menschen leben in Zelten, auf der Strasse, sind hier gestrandet. Hier in Österreich.

Wir parken in einer Seitengasse,  unsere Helfer aus Traiskirchen weisen uns ein, erklären uns die Situation. Ich bin dankbar dafür einmal nicht nachdenken zu müssen ob alles gut abläuft, die Bilder stürmen auf mich ein. An der Ecke vor mir sitzt ein junger Mann am Boden, eine Einkaufstasche vor ihm, den Kopf auf den Knien gestützt, blickt er mich an. Ein Blick der unter die Haut geht, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Trauer. Doch dann sieht er das Mike den Kofferraum öffnet, sieht das wir nicht mit leeren Händen gekommen sind und streckt den Daumen in die Höhe. „Es gefällt mir, ein LIKE“, auf facebook, hier ein Zeichen das wir richtig entschieden haben.

Wir gehen eine Runde, teilen uns auf. Drei Dolmetscher begleiten uns, sie kennen das Lager, waren selbst hier vor Monaten. Was sie hier sehen schockiert sie. Es habe sich gebessert, die Lage sei besser als vor einer Woche, vor zwei Wochen. Besser als das hier? Wie schlimm muss es gewesen sein-ich will nicht daran denken. Schon gar nicht als ich die ersten Kinder sehe.

Es ist erst nach zehn Uhr morgens als wir beginnen, viele schlafen noch. Was sollen sie sonst auch tun? Verdammt zum warten in einem Niemandsland in Österreich, in einer Stadt in einer Stadt.  Tasche anfüllen, den Zaun entlanggehen, verteilen, fragen „You need something?“.  Äpfel, Susanne hat 300 Sandwiches in der Früh vorbereitet, “ Do you want breakfast?“.  „Thank you, shokran, kheyli mamnun, danke my friend…. “ ist die Antwort. Freude, Dankbarkeit aber auch Zurückhaltung und Beschämung. Menschen die ein Leben hatten wie wir, vertrieben durch Gewalt und Krieg.  Will man jemanden eine zweite Packung in die Hand drücken, wird abgelehnt, eines reicht. Sie geben die Packungen weiter an die hinter ihnen stehen, rufen andere herbei. Verteilen im Lager.

Ich habe zwei Taschen mit Kämmen und Bürsten mit, Frauen freuen sich, eine legt ihr Kopftuch ab beginnt ihr Haar zu bürsten, eine Nachbarin flechtet ihr die Haare, irgendwo treiben sie einen Spiegel auf, beide lachen, Mir kommen die Tränen.  Ein Mann im Rollstuhl bekommt die Haare geschnitten, die Geschwindigkeit mit der die Schere über den Kopf fliegt zeigt hier ist ein Profi am Werk. Einen Beruf, ein eigenes Geschäft, man konnte die Familie ernähren , war wer. Hatte Ansehen, Freunde, ein Zuhause. Und jetzt? Ein Zelt wenn man Glück hat oder ein Platz im Haus irgendwo.  Ein Geschwisterpaar steht am Zaun, hinter dem Zaun. Das Mädchen sieben, acht Jahre alt, ihr kleiner Bruder neben ihr. Wir verständigen uns irgendwie. Stelle mein Tasche am Zaun ab, sie suchen sich aus was sie brauchen. Auf die Frage wo Mama sei, deutet mir das Mädchen an das ihre Mutter im Haus sei , deutet auf den Bauch und zeigt an wie man sich übergibt. Ich packe noch Zwieback in die Tasche, deute darauf es sei für Mama und auf den Bauch. Ich entdecke noch Seifenblasen in meiner Tasche, drücke sie ihnen in die Hand. Seifenblasen schweben durch die Luft, zaubern kleine Regenbogen der Hoffnung in den blauen Himmel.

Ich lerne drei Frauen kennen, sie kommen aus dem Iran, Irak und Syrien.Hier sind sie zusammengewürfelt worden, haben eine Schicksalsgemeinschaft gebildet. Kinder laufen herum. Mit wenigen Brocken Englisch, und das wenige das ich durch meine Arbeit zu verstehen gelernt habe unterhalten wir uns. Auf die Frage warum sie im Freien schlafen antwortet man mir, es sei besser hier im Zelt als mit 22 Menschen in einem Raum. Ich zähle auf was wir haben, bringe es ihnen.  Am Nachmittag treffe ich sie nochmals, frage ob sie noch was brauchen da sehr viele andere Menschen Spenden vorbeibringen. Wasserkocher? Etwas für die Kinder ?  Sie tuscheln , ich höre das Wort „kafe“. „Coffee, do you need coffee?“ Ja Kaffee, ob ich Kaffee habe. Nein, habe ich keinen mehr, den wir mit hatten ist schon weg. Michelle fährt Kaffee kaufen, ich komme eine Stunde später zu ihnen zurück, Cappuccinodosen  und Milchpulver, sie strahlen mich an, bedanken sich überschwenglich bei mir. Innerlich werde ich wütend. Ich würde sie am liebsten über den Zaun klettern lassen und mitnehmen, mit den Kindern. Kaffee in einem Kaffeehaus mit ihnen trinken, sie menschenwürdig wo unterbringen.

Irgendwie rutscht es mir raus wo ich arbeite- sie bestürmen mich mit Fragen, wo kommen sie hin, was passiert, wie geht es weiter? Danke an die junge Kurdin  aus Wien die mit ihrem Mann gekommen war um zu helfen, eine junge Frau ist abseits, sie spricht kein Englisch nur Kurdisch, die Wienerin übersetzt mir.

Andere kommen, fragen die gleichen Fragen. Einige bitten mich die Adresse aufzuschreiben, sie wissen nicht wo sie sind oder können es nicht schreiben. Wo in Austria? Ich hole mein Handy, zeige ihnen wo wir sind. Ein junger Mann fragt mich wo Syrien ist, wo Nubl ist, ich zeige es ihm auf der Karte. 2.779 km. Er blickt mich an, dreht sich um und geht, setzt sich in den Schatten unter einen Baum und blickt nach oben. Ich will nicht wissen was in dem Moment in seinem Kopf vorgeht, ich will es nicht wissen, verdränge jeden Gedanken daran. 2779 km , er ist mager, abgehärmt. Bevor wir heimfahren sehe ich in wieder, er lacht mir entgegen und winkt mir zu. In der Hand hält er die Deutschunterlagen die Helfer verteilt haben. 

Irgendwer hat Rollerskates verteilt, man merkt der Mann steht zum ersten Mal auf so wackeligen Beinen, aber er fährt auf der Strasse vor dem Lager auf und ab, lacht, sogar als er das Gleichgewicht verliert lacht er. Ein Mann mit Kindern hat eine Tasse Nektarinen bekommen, ein Mann neben ihn fragt ihn ob er eine haben darf,  er bekommt eine, es wird geteilt. Die Kinder und er hätten schon jeder eine gegessen, sie teilen miteinander. Etwas das wir verlernt haben.

Gemeinsam mit uns sind unzählige andere Helfer dort,  einige haben gekocht, bringen warmes Essen, Huhn, Hammel. Fladenbrot. Viele haben sich so wie wir organisiert, hier geht es reibungslos, andere sind mit der Situation überfordert, stellen ihre Sachen ab und sind schnell wieder mit dem Auto weg.

Wenig später kommt mir das ganze so surreal vor, ich sitze im Cafe, denke an die Frauen die ich heute kennengelernt habe , die ein paar hundert Meter entfernt sind und mich überkommt ein Gefühl der  Wut auf die Politik und die Verantwortlichen aber auch Dankbarkeit.

Dankbar das ich ein  Zuhause habe, meine Familie, meinen Mann , meine Kinder um mich. Das wir in Frieden leben. Aber auch Dankbarkeit wegen all der Menschen die mit mir nach Traiskirchen gefahren sind, die dort helfen und die in ihren Gemeinden bereiterklären diese Menschen durch Ehrenamt zu unterstützen.

Ein grosses Danke an die Fans der Redwell Gunners, an alle Unternehmen, Bauern und Menschen die uns unterstützt haben, sei es durch Sachspenden oder aber durch Zeitspenden.

Mein Kamera blieb im Auto- ich fotografiere Tier im Zoo hinter Zäunen,  aber keine Menschen. Es kommt mir falsch vor. Ich würde ihnen so den letzten Rest an Würde nehmen, an Privatsphäre. Nur den kleinen Jungen fotografiere ich der mir entgegenläuft als ich eine Packung Süßigkeiten verteile. Mehr nicht.

DANKE!!!

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